Dom (4545m)

12./13./14. 8. 2000

Dass bisher immer wieder das Gefühl hochkam, diese Saison sei bezüglich Wetter eher schwach ausgefallen, erhöhte die Spannung noch, die auf allen Teilnehmern lastete, als der Termin näher kam.

So starteten wir denn am Samstag: Bäre, Theo, Martin, Gilbert und der Schreibende. Mit dem PW, hinten etwas eng sitzend, preschten wir über die N1, verluden in Kandersteg, genossen in Gampel einen Kaffee und ausgezeichnete Nussgipfel und waren um halb elf in Randa. Nachdem für den Nachmittag Gewitter angesagt waren, war es allen nur recht, dass wir gut in der Zeit lagen. Soviel zum einfacheren Teil der Tour.

Nun begann der Hüttenweg. Lange Zeit stiegen wir durch wunderschönen, schattigen Lerchenwald. Pilze standen am Wegrand und bunte Falter schwebten leicht durch die Luft. Die Sonne schickte ihre Strahlen durch die Lerchenäste, dass es aussah, als steckten Lichter-Lanzen im Waldboden. Punkt zwölf Uhr stärkten wir uns unter einer Lerche. Nur noch kurz genossen wir danach den Schatten des Waldes, dann war die Waldgrenze erreicht. Wir hatten jedoch kaum Zeit, uns Gedanken über Hitze und Sonne zu machen - die Wand forderte zum Duell. Was dramatisch steil und hoch anzusehen war, entpuppte sich als kurzweiliger Aufstieg über steile Wege, Felsbänder und -stufen, Treppen, Eisenbügel und entlang von Drahtseilen. Nach ca 3 Stunden war das Problem gemeistert und das Gelände wurde wieder flacher. Eine gute halbe Stunde später erreichten wir die Hütte, welche wir erst ein paar Meter unterhalb erblickten. Ein schöner Hüttenabend mit Besuch von Steingeissen stimmte uns auf den kommenden Tag ein. Was würde dieser wohl bringen?

Um 3:15 Uhr am nächsten Morgen wurde für die ganze Hütte Tagwache geblasen. Ca 75 Personen veranstalteten nun ein infernales Chaos, dem wir fünf uns in alter Routine zu entziehen wussten. Rucksäcke wurden umgepackt, Klettergurte montiert, Schuhe angezogen - und alles genau an der engsten Stelle, wo jeder vorbei musste, welcher vor die Hütte wollte. Dem Hüttenwart kam das ganze nicht unbekannt vor, empfahl er doch, Werkzeug mitzunehmen um die Steigeisen anzupassen, falls wir fremde Schuhe anhätten.

Im Licht der Stirnlampen bewegte sich ein langer Zug von Bergsteigern die Moräne hinauf - ein hübscher Anblick. Später ging es angeseilt und mit Steigeisen am Gletscherrand bis unter das Festijoch. Die vollendete Pyramide des Weisshorns erstrahlte im orangen Licht der aufgehenden Sonne. Den Aufstieg durch die Felsen bewältigten wir wieder ohne Steigeisen und ohne Seil. Vom Joch konnte man den grössten Teil des Festigrates einsehen, der sich kühn zum Dom hinaufzog. Eines war sofort klar - solche Verhältnisse gibt es hier sicher nicht oft. Schon zu Hause hatte der Tourenleiter auch diese Möglichkeit studiert. Meine Kameraden waren schnell für die rassigere Variante zu überzeugen.

Wieder mit Steigeisen und am kurzen Seil ging es Schritt für Schritt aufwärts. Rechts die Gratschneide, links der Abgrund. Knirschend bohrten sich die Frontzacken der Steigeisen in den harten Firn. Bald erreichten wir die 4000m Grenze. Zeit für eine kleine Rast. Einige Felsen mussten in der steilen Flanke umgangen werden, eine Eisfläche, dort wo der Grat sich nach rechts wendet, wurde problemlos gemeistert. Meter um Meter ging es aufwärts. Unvergleichlich der Blick in die Tiefe des Mattertales, faszinierend die mächtigen Eisbrüche und -barrieren auf dem Hohberggletscher.

Endlich erreichten wir die Gabel, gleichzeitig mit dem Nebel. Trotzdem setzten wir unsern Weg fort und erreichten nach gut 6 Stunden den Gipfel mit dem Kreuz. Die Freude war in die Gesichter geschrieben und beim Handschlag und dem 'Berg frei' klang manche Stimme nicht so fest wie sonst - ob diese Bergsteiger, diese unrasierten Männer wohl Rührung zeigten? Sogar unser Gipfellied fiel dieser Stimmung zum Opfer. Jedenfalls war es ein herrlicher Augenblick, zumal die Sonne zurückkehrte und uns eine unvergleichliche Aussicht bescherte.

Der Abstieg auf der Normalroute war einfach - ein Schritt folgte auf den andern. So hatten wir genügend Zeit, die herrlichen, eisblauen (wie denn sonst) Seracs, Spalten und Brüche zu bewundern. Nicht ganz geheur war es uns, als die Spur ein Stück weit direkt unter einem riesigen, überhängenden Eisturm vorbei führte. Fast im Laufschritt brachten wir diese Stelle hinter uns. Nach einer ausgiebigen Rast auf dem Festijoch betraten wir mit gebührendem Respekt den Felshang, der uns vom Festigletscher trennte. Wieder angeseilt aber ohne Steigeisen rutschten wir danach den Gletscher hinab. Auch am Gletscherrand, unter Schutt und Dreck, war Blankeis versteckt was zu manchem Ausrutscher mit anschliessender Pirouette Anlass war. Ausser verschmutzten Hosen waren keine Schäden zu beklagen. Zufrieden und sichtbar stolz erreichten wir die Hütte.

Den Abstieg nach Randa am nächsten Morgen unterbrachen wir kurz in der neuen, in traumhafter Lage erstellten Europa-Hütte um die ausgeschwitzte Flüssigkeit aufzufüllen. Nach gut 2 Stunden erreichten wir unser Auto (äusserst angenehm gefahren von Gilbert) in Randa.

Wir waren gesund und munter zurück - Gott sei dank. Am gleichen Wochenende starben auf der andern Talseite zwei Bergsteiger am Schalihorn. Wie nahe beieinander liegen doch in den Bergen Freud und Leid.

Nun noch ein Wort zur Hüttenwartin: Laura begrüsste uns äusserst charmant, war stets zuvorkommend und überhaupt hatten wir das Gefühl, dass wir bevorzugt behandelt wurden. Wir fühlten uns rundum wohl. Ein Sprichwort sagt: Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück. Vielleicht hat ihr Verhalten auch damit zu tun, dass meine Kameraden sich in der Hütte wie gesittete Menschen benehmen, die Hüttenwarte mit Respekt behandeln und auch Geduld haben, wenn diese einmal nicht sofort Zeit haben.

Markus (glücklich und stolz)

PS:
Noch etwas in eigener Sache: Laura hat uns als wohlerzogene Männer gelobt - das musste doch einmal gesagt werden!!!